Bonsai hat geschrieben:Mandybär hat geschrieben:Der Grenzverlauf wechselte ja mehrmals.
Wann denn?
Und vor allen Dingen wie oft denn seit der Eroberung Angkors durch die Siamesen 1369?
marc hat geschrieben:viel spass beim zählen von 1369 an.
Meines Erachtens gibt es da gar nicht so viel zu zaehlen.
Die Zeit von der Eroberung Angkors durch die Siamesen bis Ende des 19. Jahrhunderts ist im Bezug auf den Grenzverlauf im Gebiet des Khao Phra Viharn relativ uninteressant, da die Landesgrenze zwischen Siam und Indochina doch recht weit suedlich der Dongrekberge verlief.
Die Zeit vor Indochina, z. B. als die Vietnamesen noch das heutige Kambodscha beherrschten, habe ich jetzt mal bei diesen Ueberlegungen nicht beruecksichtigt.
Karte Indochina 1886
Interessant wird es dann so Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Kolonialmacht Frankreich und Siam anfingen Laendereien zu tauschen. Siam bekam mehr Land an der damaligen Suedostgrenze Siams (Chantaburi, Trat etc.) und musste dafuer Provinzen im Nordosten (Battambang, Siem Reap etc.) abtreten.
Als Grenzlinie im Norden Kambodschas wurden die Dongrekberge vereinbart, und zwar genau in dem Bereich wo diese Berge eine natuerliche Wasserscheide bilden. Also wenn ich das richtig interpretiere kann man Wasserscheide auch mit Kammlage gleichsetzen, weil Wasser ja immer noch bergab fliesst.
Somit verlief die Grenze zwischen zwei Staaten zum ersten mal im Bereich des Khao Phra Viharn am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Genau in dieser Zeit kartographierten die Franzosen auch das Gebiet. Ich vermute nun mal, dass diese Karte auch als Grundlage fuer die damals geschlossenen Vertraege des Grenzverlaufs zwischen Siam und Indochina bzw. Kambodscha diente.
Im Bereich des Khao Phra Viharn verlief aber der Grenzverlauf nach dieser Karte nicht auf der Kammlage der Berge sondern macht einen unnatuerlich wirkenden Bogen. Durch diesen Bogen landete der Tempel nach dieser Karte nicht auf der siamesischen sondern auf der kambodschanischen Seite.
Auf Google-Earth ist das halbwegs gut zu erkennen.
Es heisst die franzoesischen Kartographen haetten in diesem Bereich den natuerlichen Verlauf verlassen und anstatt der natuerlichen Wasserscheide einen Flusslauf als Grenzverlauf eingezeichnet. Wer das Gebiet schon mal besucht hat, der wird feststellen, dass die Grenze in dem Gebiet auf jeden Fall nicht auf der Kammlage verlaeuft.

- Blick vom hoechsten Punkt des Khao Phra Viharn in die kambodschanische Ebene. Der Tempel befindet sich hinter dem Betrachter.
Wie auch immer, auf jeden Fall scheint es damals so Anfang des 20. Jahrhunderts keinen so richtig interessiert zu haben und Siam maulte auch Jahrzehnte lang nicht wegen des Grenzverlaufs in der Gegend um den Khao Phra Viharn.
Mitte der 30er Jahre schickte dann Siam eigene Kartographen ins Rennen. Nach der daraus enstandenen Karte gehoerte der Khao Phra Viharn nun zu Siam. Aus Siam wurde Thailand und Thailand besetzte das Gebiet was nach eigener Auffassung ja sowieso ihnen gehoerte. Bevor die Sache klaerend „ausdiskutiert“ werden konnte, kam der 2. Weltkrieg nach Suedostasien.
Japan besetzte Kambodscha und als Verbuendeter Japans bekam Thailand die Gebiete Kambodschas, die sie Anfang des Jahrhunderts an Frankreich abgegeben hatten, fuer ein paar Jahre wieder zurueck. Also fuer einige Zeit spielte der umstrittene Grenzverlauf um den Khao Phra Viharn wieder keine Rolle.
Thailand musste nach dem 2.Weltkrieg die von Japan ueberlassenen Gebiete an Kambodscha wieder zurueckgeben und Frankreich kehrte zurueck nach Kambodscha. Dann begann der Knatsch massiv und hoerte auch nicht auf als die Franzosen mitte der 50er Jahre Kambodscha verliessen. Der Streit um den Gebietsanspruch, auf dem der Tempel steht, drohte Ende der 50er Jahre boese zu eskalieren. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Thailand und Kambodscha wurden auf Eis gelegt und Truppen auf beiden Seiten marschierten in den Grenzregionen auf.
1962 faellte dann der Internationale Gerichtshof in Den Haag ein Urteil. Er berief sich auf die Karte der Franzosen, welche Anfang des 20. Jahrhunderts erstellt wurde, und sprach den Khao Phra Viharn dem kambodschanischem Staat zu.
Thailand aktzeptierte das Urteil, aber erst Anfang der 70er Jahre wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten wieder belebt.
Es kehrte aber nicht lange Ruhe ein. Pol Pot mit seinen Roten Khmer begann seinen innerpolitischen Irrsinnsfeldzug als Guerillakampf in kambodschanisch-thailaendischem Grenzgebiet und verzog sich dorthin auch wieder als 1978 die Vietnamesen Phnom Penh besetzten.

- Alte Geschuetzstellung am Khao Phra Viharn
Halbwegs sicher wurde das Gebiet erst 1998 nach dem Tode Pol Pots. Der Tempelberg inklusive seinem Zugang wurde von Minen geraeumt und es gab nun in laengeren Zeitraeumen die Moeglichkeit auch als Tourist den Khao Phra Viharn zu besuchen.
Es hatte den Anschein als ob sich Thailand und Kambodscha arrangiert haetten, was die Nutzung des Tempelbergs betrifft. Ich war 2001 auf dem Khao Phra Viharn, aber 2002 bekam ich die Nachricht von Bekannten, dass sie enttaeuscht die Anreise umsonst gemacht haetten. Der Zugang von thailaendischer Seite war wieder gesperrt.

- Grenzuebergang von Thailand nach Kambodscha am Khao Phra Viharn
Vor einigen Jahren verkuendete die thailaendische Tourismusbehoerde, dass der Khao Phra Viharn nun wieder zugaenglich sei.
Kambodscha beantragte die Aufnahme des Tempels als Weltkulturerbe und in dem Zusammenhang tauchte nun die dritte Karte des Gebiets auf (wenn ich richtig mitgezaehlt habe). Naemlich die Karte die Kambodscha im Rahmen der Beantragung des Tempels als Weltkulturerbe vorlegte.
Neue Karte – neuer Knatsch. Geschichte wiederholt sich. Wobei es jetzt ja wohl beim aktuellen Zoff weniger um das Gebiet des Tempels selbst geht, sondern um ein paar Quadratkilometer Umland die nun "verrutscht" sind. Vielleicht sollte man sich an Karte Nr. 1 erinnern, die Anfang des 20. Jahrhunderts von den Franzosen erstellt wurde. Immerhin war diese Karte Grundlage eines Gerichtsurteils welches Thailand und Kambodscha aktzeptiert hatten...

- Khao Phra Viharn