KAPITEL IXX
Phnom Penh – Stadt zwischen 2 Strömen
Der Bus war an diesem Dienstag, den 22. Januar um die Uhrzeit nicht so gefüllt wie gewohnt, aber genauso kalt durch den übertriebenen Einsatz der Klimaanlage. Unsere Augen sogen die vorbeihuschende Landschaft auf und hatten kurz vor der Hauptstadt noch den obligatorischen Touri-Halt, um billigen Tand oder massenhaft Süsskram kaufen zu sollen.
Der Verkehr nahm rapide zu, denn wir befanden uns offenbar in der Rush-Hour am südlichen Stadtrand. Es ging nur noch schleppend vorwärts, umso mehr wurde die Fahrt zur halben Stadtrundfahrt, denn die Busstation sollte direkt in der City gelegen sein. Unzählige überladene oder zumindest vollbesetzte Fahrzeuge wollten von irgendwo da nach irgendwo dort und wir mittendrin. Alte und schöne Fassaden zeugten von einer Hochzeit in der Vergangenheit und schnieke, kalte neue Gebäude wollen den Bewohnern und Besuchern suggerieren, dass ein neuer Boom mit vielen Jobs im Kommen ist.
Das muss wohl der Grund sein, dass es eine Landflucht in die Hauptstadt gibt und entsprechend Probleme bereitet, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Kommt irgendwie bekannt vor dieses Phänomen, nur erlebten wir hier den Beginn eines solchen Booms. In der City an der Station angekommen waren wir zweierlei verblüfft. Klar, erst mal die aufdringlichen TukTukfahrer abwimmeln, bevor sie sich selbst ein Gepäckstück aufladen, ohne zu fragen natürlich.
Wir sammelten unser Zeug und konnten dieses Wurfzelt (Dschungelparty) nicht im Gepäckraum entdecken. Sollte sich tatsächlich eine dieser Gepäckklaugeschichten ereignet haben? Wir konnten es uns nicht vorstellen und gingen in der Erinnerung zurück. Tja, und mir dämmerte, dass ich das runde kleine Stück wohl nicht mit auf den Roller genommen hatte. Also musste es noch am oder im Guesthouse sein, weit weg in Kampot. Nun, mal sehen, was uns einfällt, jetzt weiter zu unserem gebuchten kleinen Hotel.
An der Kreuzung blieben wir aber stehen und staunten über die Szenerie. Von allen 4 Seiten floss ein heilloses Durcheinander von Lastern, Bussen, Autos, TukTuks, Fahrräder und Fussgängern an diesem Punkt zusammen und wie von Zauberhand gelenkt, Zentimeter, ja manchmal nur Millimeter aneinander vorbei, ohne jegliche sichtbare Regelung. Quasi wie sich Wellen kreuzen und ineinander sich durchdringen, floss hier im Schleichtempo (City Limit ist 30 Km/h) der Verkehr durch sich selbst, faszinierender Anblick.
Als unser Hauptstadt-Domizil haben wir uns das Pich Guest House ausgesucht, da es nicht weit weg vom Fluss recht günstig gelegen und mit $ 8.-/Nacht auch erschwinglich war. Von aussen sah es wesentlich schlimmer als von innen aus und die Betreiber waren überaus freundlich und zuvorkommend. Das Zimmer hatte keine Fenster und war daher leider doch sehr stickig aber sauber. Wir checkten ein und beschlossen noch vor Einsetzen der Dunkelheit einen Spaziergang durch die belebten Strassen hin zum Fluss zu unternehmen. Ganz anders als in Bangkok schien es trotz des wuseligen Treibens weniger hektisch zuzugehen.
Hier konnten wir die asiatische Gelassenheit spüren und die Ursprünglichkeit geniessen, welche sich am Tonle Sap, einem grossen Zufluss zum Mekong mitten in der Stadt, in Form einer gemütlichen Promenade darbot. Frisches und kaltes Dosenbier in der Hand zogen wir an leuchtenden Palästen vorbei und erlebten eine stille und tiefe Freude, an diesem Ort sein zu dürfen. Boote zogen den Fluss rauf und runter, alles irgendwie in Zeitlupe, wir waren ganz gefangen von dieser Stimmung. Höchstens ein „TukTuk Sir, Madame?“ störte kurz den Moment.
Eine Art kleine Trattoria lud mit leckeren Gerüchen und emsig Rührens in den Woks zum Abendessen, diesmal völlig ohne Probleme wegen veganen Speisewünschen. Es wurde dunkel und nun strahlten alle ehrwürdigen Gebäude im glanzvollen Lichterschein. Entgegen der, bis auf Sihanoukville erlebten abendlichen Beschaulichkeit schien die Hauptstadt nun zu erwachen und es füllten sich die Bars und Restaurants, überwiegend mit einheimischen Gästen. Der Tourismus ist zwar im Kommen, aber noch nicht nervig, wer weiß wie lang noch denke ich mir, wenn ich hier was Vorschwärme..
Immer noch nicht wirklich müde, trotz des langen Tages, versorgten wir uns mit „Abendgetränken“ und schwatzten im Hotel mit den Gästen und Angestellten. Hierbei kam die Idee auf, ob es nicht möglich wäre, unser verlorenes Gepäckstück per Auftrag von Kampot nach Phnom Penh, mit dem Bus sozusagen liefern zu lassen. Dem freundlichen jungen Mann erklärten wir die Situation und gaben ihm die im Internet recherchierte Telefonnummer. Das Zelt war tatsächlich am Eingang liegengeblieben und man überlegte, wie diese ungewöhnliche "Nachlieferung" zu bewerkstelligen wäre. Wir wurden auf Morgen vertröstet.
Die Hauptstadt hat ca. 1,5 Mio. Einwohner und weist prächtige Bauten, sowie Dutzende Sehenswürdigkeiten auf. Daher fiel es uns schwer, einen durchdachten Stadtbummel zu ersinnen und liessen uns immer die Karte in der Hand einfach treiben. Das Nationalmuseum hatte uns am Abend schon durch die schöne Beleuchtung beeindruckt und um mehr über die Geschichte Kambodschas zu erfahren, nahmen wir uns die Zeit, es zu besuchen. Fotografieren war leider verboten, aber es gibt bestimmt viele Bilder im Netz. Von der zeitgenössischen bis zur vorgeschichtlichen Kunst, alles war hier ausgestellt zu betrachten. Zwar kein unbedingtes Muss, aber doch ein Streifzug durch die kulturelle Entwicklung Kambodschas, bzw. Indochinas.
Mich hätte eine Flussfahrt zum Mekong interessiert, aber es sollte und sollte nicht klappen, da es ja noch um das verlorene Gepäckstück ging, welches eventuell um 17.00 Uhr an der Busstation landen sollte.
So schlenderten wir Stadtkilometer um Stadtkilometer die Ecken ab, die uns sehenswert erschienen. Wir verzichteten auf den allseits angepriesenen Russenmarkt genauso wie auf einen Besuch des größten und modernsten Einkaufsparadieses. Das linke Bild zeigt die unerschütterliche Entschlossenheit der Bauherren. Man beachte das Bauziel, welches auf der Tafel angekündigt strotzt und vergleicht es mit der Arbeitsweise. Von der Stromversorgung ganz zu schweigen..
Das Erkunden einer fremden Stadt ist zwar anstrengend, bietet aber die eine oder andere Überraschung. Ein unscheinbarer kleiner Laden bot allerlei Zeugs und lockte mich mit ausgestellten Münzen (die es ja gar nicht mehr gibt in Kambodscha) im Schaufenster. Nicht dass ich passionierter Sammler wäre, doch habe ich eine Schwäche für die klingenden Zahlungsmittel. Der Inhaber strahlte mich an, als ich mich für seine alten Schätze interessierte und präsentierte mir stolz seinen Katalog.
Den hat er in jahrelanger mühseliger Handarbeit selbst gezeichnet! Nun war ich echt von den Socken über so eine Filigranarbeit und erstand zwei Repräsentanten früherer Zeit.
Einfach zum Schmunzeln..
Im Guesthouse zurück, erfuhren wir, dass unser Wurfzelt doch wirklich mit dem Bus geschickt worden sei und ich es am Busdepot abholen könnte! Der fleissige Hausangestellte wusste den Weg und wir setzten uns gemeinsam in ein (durch ihn wesentlich günstigeres) TukTuk und reihten uns ein in den so genügsamen Wuselschleichverkehr. Und tatsächlich, da stand es, das runde Ding, ein freundliches Lächeln und Freude über die nun zweite gelungene Wiederbeschaffung eines Hab- und Guts fuhren wir zurück. Kleine Reisefreuden in einem fernen Land..
Nachdem wir für die kommende Nacht Aircon dazu gebucht hatten, liessen wir uns noch ein ganzes Kilogramm des sehr leckeren einheimischen Kaffees besorgen und hofften einen Freund zu treffen, der sich auch in der Hauptstadt aufhalten sollte. Zu Fuss sogen wir wieder die abendliche Stimmung in uns ein in Richtung des ausgemachten Treffpunkts. Der erwies sich aber entweder als falsch oder wir waren zu spät dran, schade eigentlich.
Also genossen wir den zweiten Abend wieder an der Promenade des Flussufers, selbstverständlich mit der nun zur Gewohnheit gewordenen Bierdose in der Hand. Uns überkam eine Sehnsucht, mitten im Winter bei ca. 29 Grad um 22.00 Uhr an einem Fluss sitzend, so eine Erfahrung nicht das letzte Mal erleben zu wollen und erhoben unsere Dosen zu einem bekräftigenden Prost!
Ein älterer Australier, soweit ich mich erinnern kann setzte sich zu uns und lud zu einem Gespräch, so von Weltreisenden zu Weltreisenden ein. Er kannte sich bestens aus mit Asien, denn er war weit und lange auf Reisen gewesen. Wir staunten über alles, was er uns erzählen konnte und bekamen nun noch mehr Reiselust, obwohl wir doch nun auch schon einige Zeit unterwegs waren. Als sich unsere Wege wieder trennten, philosophierten wir über das Reisen, unsere Erlebnisse und unsere Möglichkeiten, zukünftig weitere Reisen unternehmen zu können.
An dieser Stelle und knapp 3 Monate nach unserer Wiederkehr, da ich diese Zeilen rückblickend schreibe, überfällt mich augenblicklich dieses Fernweh wieder. Vielleicht ist das der tiefere Sinn von langen und weiten Reisen, dass es einen in einen größeren Kontext mit unseren Planeten und deren Bewohnern versetzt und bereichert? Wie oft stecken wir in unseren alltäglichen Banalitäten und sehen nicht mehr den grossen Zusammenhang, auch wenn die eigene Heimat ihren berechtigten Wert hat. Wir haben entwurzelte Existenzen kennengelernt, mit denen wir nicht tauschen würden und es hat uns gelehrt, diesen Wert mehr zu spüren und zu verinnerlichen.
Dazu kommt, dass wir mit unserer Feuerkunst allein, solche Ziele wohl nur selten verfolgen werden können, es sei denn, es gelingt uns in der Heimat eine Steigerung unserer Einkünfte, die uns hilft, zukünftig mehr solche Reisen zu unternehmen…
Darüber sinnierend und mit einem leichten Weltschmerzgefühl im Bauch gingen wir zur mittlerweile hoffentlich abgekühlten Unterkunft zurück. Phnom Penh hat in mir auf jeden Fall etwas ausgelöst, was keinem anderen Ort unserer bisherigen Reise gelungen ist und ich konnte kaum einschlafen.
Aufgrund der knapper werdenden Restreisezeit, buchten wir am nächsten Morgen die Weiterfahrt, besser die Rückfahrt in Richtung Thailand mit Zwischenaufenthalt in Koh Kong, was wir ja schon kannten. Ein Big Bus fuhr um 12.00 Uhr und wir bekamen ein günstiges TukTuk. Da unser Gepäck nicht nur wieder komplett war, sondern auch noch um ein paar kleine, aber gewichtige Dinge zugenommen hatte, ersparten wir uns den Fussweg durch die heissen Strassen, auch wenn es nur wenige Minuten gedauert hätte. Es sollte eine 5,5 Std. lange Fahrt ohne besondere Vorkommnisse werden, bis wir die vertrauten Hügel und Gebäude der Grenzstadt erblickten.
Ohne lange zu suchen, nahmen wir das erste Zimmer, was wir nahe der Haltestellekriegen konnten und besuchten Paddy in seiner Bar. Es war wie gewohnt, ein paar Hippies spielten Poolbilliard und andere erzählten sich lustige Geschichten, Reggae-Musik lud zum gemütlichen Beisammensein und man trank Bier oder Whisky/Cola. Ein etwas süsslicher Geruch lag auch in der Luft…